Machen wir mit Welpen zu wenig?
- Jule Rettberg

- 12. Aug.
- 13 Min. Lesezeit
Warum mehr erleben nicht automatisch besser ist
„Der Malinois von meinem Bekannten ist 13 Wochen alt, läuft durch Köln und esläuft gut.“
Diese Aussage kam diese Woche in meiner Welpengruppe, verbunden mit der Sorge:
„Jule, machen wir vielleicht zu wenig?“
Und ich finde diese Frage richtig, richtig wichtig.
Denn unser Konzept bedeutet eben nicht: Bleib mit deinem Welpen zu Hause und mach bloß nichts.
Im Gegenteil. Wir überlegen ziemlich genau, was dein junger Hund wann und wie kennenlernen und lernen soll – und vor allem in welchem Kontext.
Was heißt eigentlich: „Es läuft gut“?
Ich muss dabei als Erstes fragen:
Was heißt denn eigentlich: Es läuft gut?
Wichtig ist: Ich kenne die Leute aus Köln mit dem Malinois nicht. Ich möchte auch niemanden infrage stellen und ich hoffe natürlich, dass es gut läuft.
Aber aus Erfahrung weiß ich, dass ich nicht weiß, was „es läuft gut“ genau bedeutet.
Ich habe eine Vorstellung davon, was „es läuft gut“ bedeutet. Du als Leser:in hast eine Vorstellung davon und dein Nachbar hat vielleicht wiederum eine ganz andere Vorstellung davon, wann es mit einem Hund gut läuft.
Deswegen kann ich gar nicht wissen, was damit gemeint ist. Und deswegen ist der Vergleich erst einmal nicht besonders sinnvoll.
Die Sorge, die hinter dieser Frage steckt, ist aber natürlich total legitim.
„Nicht spazieren gehen“ heißt nicht: Nichts machen
Wir sagen unseren Leuten immer: Nicht einfach spazieren gehen.
Das heißt aber nicht: Bleib zu Hause und mach gar nichts mit deinem Hund.
Wir wollen, dass du achtsam damit bist, was dein Hund unterwegs unbewusst lernt, verlernt und was dir im Laufe der Zeit große Probleme machen kann.
Ich definiere einmal, was ich meine, wenn ich „spazieren gehen“ sage.
Wenn ich in die klassische Hundewelt gucke, ist Spazierengehen der Standard. Vielleicht sogar dreimal am Tag.Mensch und Hund schnappen sich die Leine, laufen gemeinsam einmal um den Block oder in den Wald.
Im Wald wird vielleicht die Leine abgemacht, der Hund hat Freilauf. Man dreht eine Runde und kommt dann gemeinsam wieder am Auto oder zu Hause an.
Der Mensch hatte ein bisschen Bewegung und hat im Wald den Kopf freigekriegt.
Und der Hund war für sich unterwegs, hat ein bisschen geschnüffelt, ist mal langsam, mal schnell gelaufen.
Solche Spaziergänge machen vor allem im jungen Alter mehr kaputt, als sie Gutes tun.
Was kann man sich dabei verbauen?
Bei so einem Spaziergang kann man sich zum Beispiel die Leinenführung schwerer machen, als sie eigentlich sein müsste.
Auch ohne Leine.
Man kann sich die Jagdkontrolle verbhauen.
Man kann sich verbauen, dass der Hund lernt: Ich finde etwas und fresse es nicht sofort, sondern ich zeige vielleicht an, dass ich etwas gefunden habe, und dann kann mein Mensch entscheiden, wie wir damit umgehen.
Wenn der junge Hund aber im Freilauf ist, ist niemand da, der ihm erklärt:
Das wird nicht gegessen.
Wie gehen wir mit Fahrradfahrer:innen um?
Wie gehen wir mit anderen Hunden um?
Was machen wir mit Dingen, die auf dem Boden liegen?
Wie gehen wir mit fremden Menschen um?
Das alles sind Situationen, die auf einem Spaziergang mit Freilauf, aber auch ohne Freilauf passieren können.
Und auf viele davon sind Junghundehalter:innen nicht vorbereitet.
Dieses Nicht-vorbereitet-Sein und Unachtsam-Sein macht die meisten Probleme.
Wir trennen die einzelnen Bereiche voneinander
Was wir stattdessen machen:
Wir trennen die Bereiche voneinander.
Wir trennen das Erleben der Umwelt vom Thema Bewegung.
Wir trennen einzelne Reize voneinander und überlegen, wie man damit umgehen möchte.
Wie kann ein Hund also die Umwelt erleben, kennenlernen und all diese Reize wahrnehmen, ohne spazieren zu gehen?
Bei uns nennt sich das Abschalttraining.
Abschalttraining bedeutet: Du überlegst dir, was dein Hund erleben darf, und bringst deinen Hund gezielt in diese Situation.
Das Schöne an Welpen und jungen Hunden ist: Du kannst sie eine Zeit lang tragen.
Beispiel: Mit dem Welpen ins Café
Wenn du deinem Hund beibringen möchtest, entspannt im Café zu sein, dann fährst du mit dem Auto oder mit dem Fahrrad und Fahrradanhänger möglichst nah an das Café.
Auf jeden Fall nicht erst über einen langen Spaziergang dorthin.
Du nimmst alles mit, was du für deinen Hund brauchst:
eine Decke
die Leine
etwas zu trinken
vielleicht etwas zum Knabbern, wenn es der Beruhigung hilft
Dann trägst du deinen Hund ins Café und setzt dich mit ihm hin.
Damit dein junger Hund nicht auf dem Boden an der Leine hin und her titscht, hast du ihn erst einmal auf dem Schoß.
Und so lernt der Hund das Café und all seine Reize kennen:
klappernde Tassen und Geschirr
Gerüche nach Essen und Kaffee
Menschen, die kommen und gehen
Kinder
vielleicht andere Hunde
Und er lernt, das alles zu beobachten und dabei passiv zu bleiben.
Den meisten Welpen fällt es noch sehr, sehr schwer, all den Reizen, denen sie ausgesetzt sind, zu widerstehen.
Und genau das müssen sie aber lernen, um später mit dir an lockerer Leine zu laufen.
Mein Café-Pro-Tipp
Du sitzt also mit deinem Welpen im Café und bestellst dir einen Kaffee.
Hier kommt mein Pro-Tipp:
Bezahl den Kaffee am besten direkt.
Erklär den Kellner:innen, dass du im Hundetraining bist und nicht unhöflich sein möchtest, falls du das Café plötzlich verlassen musst.
Wenn dein Hund es nicht aushält oder es Probleme gibt, kannst du einfach gehen.
Dann musst du nicht noch auf die Rechnung warten, wenn dein Hund zum Beispiel vor lauter Aufregung Durchfall bekommt, und du kannst dich ganz entspannt auf deinen Hund konzentrieren.
Wenn dein Hund auf deinem Arm alles beobachtet hat, merkst du vielleicht irgendwann, dass er langsam weich wird und einschläft.
Oder er ist so entspannt, dass du ihn auf die Decke auf dem Boden setzen kannst.
Das muss aber nicht beim ersten Mal passieren.
Das darf sich entwickeln, das ist der Trainingsverlauf.
Beobachten statt impulsiv sein
Was dein Hund dabei gelernt hat:
beobachten statt impulsiv zu sein
Frustration auszuhalten
Reize wahrzunehmen, ohne ihnen sofort nachzugehen
Du brauchst übrigens keine Angst zu haben, dass du deinen Hund dadurch verwöhnst oder betüddelst. Die meisten Hunde wollen gar nicht unbedingt auf dem Arm sein, weil es eine Begrenzung ist.
Sie können die Umwelt nicht selbstständig erkunden, wie sie es sonst tun würden.
Und genau das ist ja auch der Punkt. Vielleicht kommt ein Mensch mit einem anderen Hund vorbei.
Die Emotionen deines Welpen gehen hoch.
Das Herz klopft.
Er würde am liebsten zu dem anderen Hund hinrennen.
Aber genau das wollen wir ihm ja nicht beibringen.
Er darf hier schon lernen:
Wir beobachten den nur.
Es ist normal, dass andere Menschen hier mit ihrem Hund an uns vorbeigehen oder sich neben uns setzen.
Das gleiche Prinzip am Bahnhof
Wir können auch den Bahnhof nehmen.
Anstatt durch den Bahnhof zu laufen, während dein Hund das Klappern der Rollkoffer, die zum Zug hetzenden Menschen, die Gerüche nach Essen und all die anderen Reize wahrnimmt, setzt du dich an den Bahnhof. Und ihr guckt euch das gemeinsam an.
Du kannst deinen Hund auf dem Schoß haben.
Du kannst dein Auto in der Nähe parken und das Ganze aus der Ferne beobachten.
Oder dein Hund ist schon weiter und schafft es, auf einer Decke neben dir zu liegen und zuzugucken.
Wenn dein Hund irgendwann total gechillt ist am Bahnhof, an der Skatebahn, im Zoo oder wo auch immer, gibt es nicht mehr so viele Reize, die ihn davon abhalten, sich an dir zu orientieren.
All diese Reize wurden schon wahrgenommen.
Und dein Hund kann jetzt viel besser beobachten, wie du in dieser Umwelt aktiv bist.
Erst passiv, dann aktiv
Dann könnte der nächste Schritt sein, gemeinsam aktiv zu werden.
Du holst zum Beispiel die Futterbeutel raus.
Du versteckst sie.
Ihr macht Trainingsspiele.
Sitz, Platz, komm zu mir, links, rechts.
Oder ihr macht ein Hetzspiel.
Dann erkundet der Hund die Umwelt aktiv, aber gemeinsam mit dir.
Auf der Suche nach dem Futterbeutel kommt er vielleicht an einem Mäuseloch vorbei.
Oder im Bahnhof liegt eine Pommes.
Dann kannst du sagen:
Die Pommes lassen wir liegen. Damit machen wir nichts.
Du kannst aber nur ein Tabu setzen und erzieherisch einwirken, wenn du weißt, dass da die Pommes liegt.
Dafür brauchst du Trainingssituationen, die du selber überblicken kannst und die von außen nicht so stark störbar sind.
Je mehr Menschen involviert sind, desto mehr Überraschungen können passieren.
Je weniger los ist, desto weniger Überraschungen.
Ich will darauf hinaus:
Such dir kleine Situationen und Szenen, die relativ überschaubar bleiben.
In dieser Situation nehmt ihr die Eindrücke auf und ihr besprecht auch, was in dieser Szene passiert.
Zum Beispiel:
Pommes ist tabu.
Zum Hund hinrennen ist tabu.
Menschen anspringen ist tabu.
So empfehle ich, die Umwelt zu erleben.
Schritt eins: passiv zugucken, beobachten, nichts tun, Emotionen regulieren lernen.
Schritt zwei: in der Umwelt aktiv sein – aber erst, wenn dein Hund dir folgen kann.
Geistig: Ich kann meinen Menschen sehen, beobachten und mich auf ihn konzentrieren.
Körperlich: Ich folge meinem Menschen an lockerer Leine.
Und damit ist schon der erste Schritt getan, sich das mit der Leine nicht zu verkacken.
Wann üben wir denn dann Leinenführung?
Abgesehen davon, dass Leinenführung eigentlich immer stattfindet, weil Leinenführung Führung bedeutet, kannst du sie in Situationen üben, in denen der Hund keinen weiteren aufregenden Reizen ausgesetzt ist. Mit anderen Worten:
Es lenkt ihn nichts so stark ab, dass er dir nicht mehr an lockerer Leine folgen kann.
Das könnte ein Parkplatz sein.
Das könnte dein Garten sein.
Du machst kurze Strecken, auf denen die Leine locker ist und der Hund im besten Fall dort geht, wo er gehen soll.
Meine Empfehlung: neben-hinter dir = auf deiner Höhe.
Welche Reize soll dein Hund aushalten lernen?
Dann darfst du dir überlegen:
Welche Reize soll und muss mein Hund aushalten lernen, damit er ein entspanntes Leben bei und mit mir haben kann?
Das ist ganz unterschiedlich.
Grundsätzlich sollte ein Hund z.B. lernen:
Wie gehe ich mit fremden Menschen um?
Wie gehe ich mit anderen Hunden um?
Wie gehe ich mit jagdlichen Reizen wie Maus, Eichhörnchen oder Reh um?
Wie gehe ich mit Fahrradfahrer:innen um?
Aber es kann sein, dass du einen ganz besonderen Aspekt in deinem Leben hast.
Und dann darf dein Hund ganz gezielt und bewusst darauf vorbereitet werden.
Sandra und Buddy: Von Goslar nach Paris
Ich hatte einmal eine ganz liebe Kundin. Wir nennen sie wie immer Sandra.
Sie hatte einen jungen Dackel, den wir auch wie immer Buddy nennen. ;)
Sandra kam zum Erstgespräch und später in die Welpengruppe und hatte einen ganz klaren Wunsch:
„Jule, meine Tochter lebt in Paris. Ich möchte mit meinem Hund entspannt mit dem Zug nach Paris fahren und dort mit meiner Tochter eine entspannte Zeit haben. Ich möchte, dass es meinem Dackel auch in Paris gut geht.“
Und ich habe gesagt: Kein Problem. Hier ist der Plan.
Sandra und Buddy haben zuerst am Bahnhof gesessen.
Sie haben dort Erfahrungen gesammelt – sowohl mit den Pommes, die herumliegen, als auch mit einfahrenden Zügen.
Über Wochen haben wir daran gearbeitet, dass Buddy am Bahnhof komplett entspannt ist.
Am Anfang hat er auf dem Arm geschlafen, später auf einer Decke.
Sandra und Buddy waren regelmäßig am Bahnhof, bis es überhaupt kein Thema mehr war.
Dackelchen hat verstanden:
Bahnhof heißt Entspannung. Ich muss mich hier über nichts aufregen.
Das war Schritt eins.
Der nächste Schritt war Zugfahren.
Aber nicht bis nach Paris. Nur eine Haltestelle. Danach wurde Sandra mit dem Auto abgeholt.
Parallel war wichtig, dass Buddy in einer Box sitzen konnte. Also hat Sandra zu Hause angefangen, ihn an eine Stoffbox zu gewöhnen, die sie im Zug neben sich stellen konnte.
Wir haben also verschiedene Trainingsaspekte voneinander getrennt.
Der nächste Schritt war alles, was Buddy später in Paris erleben würde.
Wir haben Abschalttraining in der kleinen Goslarer Stadt gemacht.
Sie haben sich in Cafés gesetzt, in Restaurants, an Eisdielen, mitten in die Innenstadt, in Parks und in den Wald.
Alles, was man in Paris so erleben kann, haben wir für den Hund vorgedacht.
Und wir haben überlegt:
Wie können wir ihn in kleinen Häppchen auf Paris vorbereiten?
Nachdem Goslar kein Problem mehr war, ging es in größere Städte.
Nach Braunschweig und nach Hannover.
Und so haben wir es Stück für Stück geschafft, Sandra und Buddy auf diese regelmäßige Zugfahrt nach Paris und das Leben in Paris vorzubereiten, ohne uns unbewusst einzelne Aspekte daran zu verkacken.
Was passiert bei Überforderung?
Was ganz oft passiert:
Der junge Hund wird in Situationen geführt, in denen er überfordert ist.
Diese Überforderung kann sich zum Beispiel so zeigen:
Ich bin nach außen orientiert statt zu meinem Menschen.
Ich ziehe und zerre an der Leine, weil überall spannende Dinge sind.
Ich werde von Menschen gerufen, weil ich so süß bin.
Ich kann mich nicht mehr an meinem Menschen orientieren.
Der Mensch ist nicht sicher, wie er mit dieser Reizüberforderung umgehen soll und fängt ebenfalls an, an der Leine zu ziehen und zu zerren: Hund zieht nach außen. Mensch zieht ihn wieder zurück.
Und so sind Mensch und Hund völlig überfordert und wiederholen im schlechtesten Fall immer wieder das, was wir gar nicht wiederholen wollen.
Wiederholung ist Verstärkung
Und hier kommt ein wichtiger Aspekt:
Wiederholung ist Verstärkung.
Wenn ich meinen Hund ständig in Situationen bringe, in denen er überfordert ist, zum Beispiel bellt, schreit, in die Leine brettert, Dinge tut, die er nicht tun soll und Dinge tut, die ich nicht üben will, dann sollte ich diese Situationen nicht immer wieder aufsuchen.
Geht in Trainingssituationen, in denen ihr das tun könnt, was ihr später einmal haben wollt.
Beispiel Leinenführung:
Sucht euch Orte, an denen der Hund an lockerer Leine laufen kann.
Und nein: Das muss nicht die Situation sein, die ihr später einmal erreichen wollt.
Das muss die Situation sein, die der Hund jetzt gerade leisten kann.
Wenn Jugendliche irgendwann Abitur schreiben wollen, schreiben sie ja auch nicht in der ersten Klasse Abitur. In der ersten Klasse macht man Dinge, die man in der ersten Klasse leisten kann.
Mit Herausforderungen.
Nicht nur Pipifax.
Aber eben noch kein Abitur.
Mit deinem Hund spazieren zu gehen und dabei ständig in Situationen zu geraten, die du nicht beeinflussen und nicht vordenken kannst und die ihn in ihrer Summe überfordern, sind einfach keine guten Trainingssituationen.
Es geht nicht darum, weniger zu machen
Was ich also eigentlich sagen will:
Es geht nicht darum, weniger mit dem Hund zu machen.
Es geht darum, genau damit zu sein, was du machst, und achtsam damit zu sein, was du nicht machst, damit du dir nichts verbaust.
Wir trennen die einzelnen Lernaufgaben und Lernabschnitte voneinander.
Wir sind bewusst darin, was wir dem Hund gerade beibringen und was er vielleicht gar nicht erst lernen soll.
Und erst am Ende, wenn die einzelnen Aspekte aufgebaut sind, wird alles zusammengefügt.
Sandra und Buddy fahren inzwischen regelmäßig mit dem Zug von Goslar bis nach Paris, besuchen dort Sandras Tochter und sind da total glücklich.
Wir sind eben nicht mit dem Welpen direkt nach Paris gefahren und haben ihn in diese Welt geworfen.
Wir haben das Schritt für Schritt aufgebaut. Häppchenweise.
Was braucht dein Hund für dein Leben?
Was du jetzt tun kannst:
Schreib dir einmal eine Liste.
Was sind die Herausforderungen für deinen Hund in deinem Leben?
Zum Beispiel:
Ich möchte, dass mein Hund mit zum Pferd kann.
Ich möchte meinen Hund mit nach Paris nehmen können.
Ich fahre gerne in die Berge.
Ich fahre gerne ans Meer.
Mein Hund soll an den Fahrradanhänger gewöhnt sein.
Ich möchte mit meinem Hund im Wohnwagen oder Dachzelt campen.
Das alles können unterschiedliche Aspekte deines Lebens sein.
Und das alles darf dein Hund kennenlernen.
Du fährst aber nicht gleich drei Wochen campen, ohne zu wissen, wie das für deinen Hund funktioniert. Du baust dein Zelt vielleicht erst einmal im Garten auf.
Es ist wichtig zu überlegen:
Welche Herausforderungen soll mein Hund erleben?
Und:
Welche Herausforderungen kann ich bewusst kreieren, damit wir am Ende der Erziehungsphase ein entspanntes Leben haben?
Die Probleme sind später oft die gleichen
Wenn Hundehalter:innen zu mir kommen, dann kommen sie zu 80 Prozent mit den gleichen Problemen:
Der Hund zieht und zerrt an der Leine.
Der Hund hat Probleme mit anderen Hunden.
Der Hund zeigt Jagdverhalten.
Meistens ist es eine Kombination aus allem.
Und ich weiß, dass der Hund dann sehr wahrscheinlich in der Welpen- und Junghundezeit oft überfordert war und ihm keine Hilfestellung geleistet wurde, wie er solche Situationen gelassen überstehen kann.
Es liegt nicht daran, dass die Halter:innen keinen Bock hatten. Es liegt nicht daran, dass sie naiv waren.
Sondern daran, dass ihnen nicht erklärt wurde, dass man nicht alles gleichzeitig machen muss.
„Aber mein Hund muss doch auch mal Gassi“
Eine Standardfrage ist natürlich:
„Ja, aber ich muss doch mit meinem Hund spazieren gehen. Der muss ja auch mal Gassi.“
Ist das wirklich so? Muss man spazieren gehen, um auf Toilette zu gehen? Ich gehe nicht wandern, um meine Geschäfte zu verrichten.
Ich gehe einfach zur Toilette und komme wieder raus und mache meine Arbeit weiter. Meine Hunde gehen zur antrainierten Hundetoilette im Garten.
Warum kann der Hund nicht auch zum nächsten Baum geführt werden, macht dort sein Geschäft und kommt wieder rein?
Macht euch das Leben leicht.
Und arbeitet Schritt für Schritt dahin, dass ihr später euer Wunschleben mit eurem Hund führen könnt.
Wenn euer Wunsch ist, später wandern zu gehen:
Ja, dann geht ihr später wandern.
Aber macht die Schritte hintereinander und nicht alle gleichzeitig.
Unser Ampelsystem: Grün, Gelb, Rot
Einen letzten Tipp habe ich noch.
Wir arbeiten mit einem Ampelsystem:
Grün, Gelb, Rot.
Grün
In der grünen Zone ist der Hund entspannt.
Du selber bist entspannt.
Es ist eure Komfortzone.
In dieser grünen Komfortzone kann dein Hund auf seine Signale hören, er ist leinenführig und kann gelassen durchs Leben gehen.
Dieser grüne Bereich ist nicht automatisch „zu Hause“.
Ihr nehmt ihn mit.
Und er ist abhängig davon, wie es dir und deinem Hund gerade geht.
Gelb
Der gelbe Bereich ist zum Beispiel:
„Oh, ich mache mir ein bisschen Sorgen.“
„Ich bin kurz erschrocken.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Aufgabe meistern kann.“
„Es ist gerade ganz schön stressig.“
Aber:
Der gelbe Bereich ist noch reguliert.
Ich kann noch nachdenken.
Ich kann mich noch an meinem Menschen orientieren.
Ich bin noch nicht drüber.
Rot
Das ist dann der rote Bereich.
Ich eskaliere an der Leine.
Ich schreie.
Ich belle.
Der rote Bereich kann aber auch weniger dramatisch sein. Zum Beispiel:
Ich kann nicht mehr an der Leine laufen, weil es hier so spannend ist.
Ich schaffe es nicht mehr, an anderen Hunden vorbeizugehen, weil ich schon so viel erlebt habe.
Meine Kapazitäten sind erschöpft.
Der rote Bereich ist alles das, was wir vermeiden wollen und was der Hund gar nicht erst lernen soll.
Du darfst aber gleichzeitig auch nicht nur in der Komfortzone bleiben.
Die optimale Lernsituation ist im gelben Bereich.
Ich kann noch denken.
Ich kann noch aushalten.
Ich kann meine Aufgabe meistern.
Und im besten Fall fühle ich mich danach sogar gut, weil mir die Aufgabe Spaß gemacht hat. Zum Beispiel mit dem Futterbeutel.
Durch das Meistern der Aufgabe oder Situation wächst die Komfortzone.
Wenn der Bahnhof am Anfang fast orange-rot ist – „Oh Gott, da kommt ein riesiger Zug auf mich zu“ – kann dieser Bahnhof irgendwann Komfortzone sein.
Weil es für den Hund alltäglich geworden ist, sich dort aufzuhalten.
Dann wurde aus Gelb irgendwann Grün.
Was aber passiert, wenn man ständig im roten Bereich ist: Irgendwann ist die gesamte Welt rot.
Weil das Nervensystem sich nicht mehr regulieren kann.
Weil der Hund eigentlich immer überfordert ist.
Und nichts lernen kann außer:
Die Welt ist gruselig.
Das ist stark vereinfacht und natürlich ein Modell, um es leichter begreifen zu können.
Aber ich glaube, ihr kriegt den Punkt.
Dein Trainingsstand entscheidet
Natürlich wählst du Übungen so aus, dass sie zu eurem jetzigen Trainingsstand passen.
Wenn du mit deinem Hund locker durch die Innenstadt laufen kannst, er dabei nichts lernt, was er nicht lernen soll, nichts verlernt, nicht überfordert ist und ihr wirklich gelassen sein könnt:
Dann bist du so weit.
Wenn du es aber noch nicht bist, ist das auch kein Drama.
Dann hast du jetzt die Trainingsschritte und einen Plan, wie du dort hinkommst.
Genau das soll der rot-gelb-grüne Bereich ausdrücken:
Jeder hat einen anderen Trainingsstand und jeder wählt seine Trainingssituation so, dass der Hund sie meistern kann.
Es geht also nicht darum, weniger mit deinem jungen Hund zu machen.
Sondern darum, bewusst zu überlegen, was du wann und in welchem Kontext mit ihm machst.
Beste Grüße
Jule 🩷




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