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Was passiert, bevor jemand laut wird


Was passiert, bevor jemand laut wird?

Manchmal wären zwei Minuten Rücksichtnahme genug.

Am Samstag war ich mit einer Gruppe im Wald unterwegs. Als wir zurück zum Parkplatz kamen, war dort ein Mann mit zwei Hunden. Meine nächste Gruppe wartete bereits, ihre Hunde waren noch in den Autos. Der Mann war schon darauf hingewiesen worden, dass gleich mehrere Hunde aus dem Wald kommen würden, und gebeten worden, seine Hunde anzuleinen.

Eine meiner Teilnehmerinnen konnte mit ihrem Hund nicht an ihm vorbei. Ich übernahm die Leine und bat den Mann, uns zwei Minuten Zeit zu geben.

Seine Antwort: Wir könnten doch einfach vorbeikommen. Und als ich erklärte, dass das für unsere Hunde gerade nicht möglich sei, sagte er sinngemäß: Auch eine Hundeschule müsse an anderen Hunden vorbeigehen können.

Und ging weiter auf uns zu.


Also wichen wir aus. Die ganze Gruppe zog sich zurück Richtung Wald. Ich musste mit dem Hund teilweise joggen, um Abstand herzustellen. Trotzdem kam der Mann weiter.

Irgendwann wurde ich laut.

Und irgendwann habe ich ihn Arschloch genannt.

Ich bin darüber immer noch sauer. Aber inzwischen interessiert mich fast noch mehr, was passiert ist, bevor ich laut wurde.

Denn genau diese Frage stellen wir bei Hunden viel zu selten.


„Der muss da aber durch“

Natürlich soll ein Hund lernen, an anderen Hunden vorbeizugehen. Aber daraus folgt nicht, dass er jede Begegnung jederzeit bewältigen können muss.

Lernen braucht die richtige Dosierung.

In meiner Arbeit nutze ich dafür das Rot-Gelb-Grün-Prinzip. Grün ist weitgehend Komfortzone. Im gelben Bereich entsteht ein Konflikt: Der Hund ist gefordert, kann aber noch denken, handeln und mit Unterstützung seines Menschen eine Lösung finden. Genau dort wollen wir hin.

Rot beginnt dort, wo dieser Handlungsspielraum verloren geht. Der Hund reagiert nur noch.

Deshalb ist eine Hundebegegnung nicht automatisch Training, nur weil zwei Hunde irgendwie aneinander vorbeikommen.

Kompetenz entsteht nicht durch Aushalten. Sie entsteht durch bewältigbare Erfahrungen.

Und genau deshalb kann Ausweichen die kompetenteste Entscheidung sein, die ein Mensch für seinen Hund trifft.

Nicht: Da müssen wir durch.

Sondern: Das schaffen wir. Hier braucht mein Hund Unterstützung. Heute brauchen wir mehr Abstand. Und hier gehen wir raus.

Das ist für mich Führung.


Verantwortung endet nicht beim eigenen Hund

Es gibt dabei noch eine zweite Frage, die wir viel zu selten stellen: Selbst wenn mein Hund problemlos an einem anderen Hund vorbeigehen kann – wie geht es dem anderen Hund damit?

Wenn ich sehe, dass ein anderes Mensch-Hund-Team Schwierigkeiten bekommt, kann ich weiterlaufen, weil mein Hund das schließlich „kann“.

Oder ich kann stehen bleiben.

Ich kann Abstand schaffen.

Ich kann dafür sorgen, dass meine Hunde nicht auch noch Teil des Problems werden.

Das musste ich selbst lernen. Mit meiner ersten Hündin Momo konnte ich jede Begegnung bewältigen. Und ja, ich habe mir damals einiges darauf eingebildet. Rückblickend weiß ich, dass ich anderen Mensch-Hund-Teams gegenüber oft rücksichtsvoller hätte sein können.

Ich war selbst mal dieses Arschloch.

Heute gehört für mich zur Kompetenz eines Hundehalters deshalb nicht nur, den eigenen Hund lesen zu können. Es gehört auch dazu, das Gegenüber wahrzunehmen.

Manchmal ist die beste Unterstützung, die wir geben können, einfach stehen zu bleiben.


Und dann habe ich Rot-Gelb-Grün auf mich selbst angewendet

Das war für mich die spannendste Erkenntnis aus der ganzen Geschichte.

Als ich die Leine meiner Teilnehmerin übernahm, war ich grün. Ich war zuversichtlich. Ich kannte den Hund, konnte ihn halten, konnte führen und hatte mehrere Handlungsmöglichkeiten.

Dann wurde es gelb.

Ich merkte, dass wir Kooperation brauchen. Also bat ich den Mann zu warten. Als das nicht funktionierte, erklärte ich unsere Situation. Als auch das nichts veränderte, wählte ich eine andere Strategie: Wir gehen zurück.

Ich war immer noch handlungsfähig.

Mein Rot begann nicht erst, als ich laut wurde.

Mein Rot begann in dem Moment, in dem ich merkte: Ich habe keinen Handlungsspielraum mehr.

Wir gingen zurück und der Mann kam trotzdem weiter. Meine Möglichkeiten, diese Situation für die Menschen und Hunde sicher zu gestalten, wurden immer kleiner.

Da entstand Ohnmacht.

Und dann kam Wut.

Das finde ich im Nachhinein wichtig, weil Rot eben nicht bedeutet: Jemand rastet aus.

Rot kann viel früher beginnen. Dort, wo die bisherigen Strategien nicht mehr funktionieren.


Wut darf sichtbar sein

Ich schäme mich nicht dafür, dass ich wütend geworden bin.

Aber ich kann trotzdem unterscheiden zwischen Wut und guter Grenzkommunikation.

„Arschloch“ war keine Grenze. Es war meine Bewertung dieses Menschen.

„Stopp. Bleiben Sie stehen. Kommen Sie nicht weiter.“ wäre die klarere Grenze gewesen.

Das nehme ich aus dieser Situation mit.

Nicht: Ich darf nicht wütend werden.

Sondern: Ich möchte noch früher und eindeutiger kommunizieren, was ich brauche.


Wenn jemand meinen Raum nicht respektiert

Denn darum ging es letztlich: Raum.

Raum zu haben bedeutet für mich nicht, dass ich über andere Menschen bestimmen darf. Es bedeutet, dass die Grenze meines Raumes für mein Gegenüber relevant ist.

Nein, ich möchte heute nicht telefonieren.

Fass mich nicht an.

Kommen Sie bitte nicht näher.

Mein Hund braucht Abstand.

Das sind Grenzen.

Natürlich kann ich niemanden zwingen, sie zu respektieren. Und genau darin liegt das Ohnmächtige: Ich kann kommunizieren, ausweichen, Konsequenzen ziehen – aber ich kann mein Gegenüber nicht zur Kooperation zwingen.

Auch die Mann-Frau-Ebene gehört für mich deshalb zu dieser Geschichte.

Ich weiß nicht, warum dieser Mann so gehandelt hat. Ich kenne sein Leben nicht und muss ihm auch keine Motive unterstellen.

Ich weiß nur, was passiert ist: Eine Frau bittet einen Mann um Abstand. Sie erklärt, warum sie Abstand braucht. Als er ihn nicht gewährt, versucht sie selbst, Abstand herzustellen. Und er kommt trotzdem weiter.

Eine meiner Teilnehmerinnen sagte danach: „Das passiert mir ständig.“

Dieser Satz ist bei mir hängen geblieben.

Was macht es mit Menschen, immer wieder zu erleben: Ich habe meine Grenze ausgesprochen – und mein Gegenüber entscheidet trotzdem, dass sie nicht zählt?


Was passiert, bevor jemand laut wird?

Vielleicht beschäftigt mich diese Begegnung deshalb so sehr.

Denn auch meine Kommunikation war am Anfang leise.

Wir warteten. Wir baten. Wir erklärten. Wir wichen aus.

Und irgendwann wurde ich laut.

Bei Hunden schauen wir ebenfalls gerne erst auf diesen letzten Moment.

Der Hund bellt. Er springt in die Leine. Er knurrt. Vielleicht schnappt er.

Und plötzlich ist er das Problem.

Dabei hat er möglicherweise längst kommuniziert. Leiser. Feiner. Vielleicht hat er versucht, Abstand herzustellen, sich an seinem Menschen orientiert oder körperlich gezeigt, dass die Situation zu viel wird.

Deshalb interessiert mich nicht nur:

Warum ist der Hund so laut?

Mich interessiert:

Was ist passiert, bevor er laut wurde?

Wo war er noch grün? Wann wurde es gelb? Wo hätten wir reagieren, unterstützen oder Abstand herstellen können? Und wann war sein Handlungsspielraum bereits so klein, dass nur noch Rot übrig blieb?

Dasselbe kann ich mich über mich selbst fragen.

Und vielleicht wäre unser Zusammenleben sehr viel angenehmer, wenn wir uns diese Frage auch im Umgang miteinander häufiger stellen würden.

Wir müssen nicht warten, bis ein Hund eskaliert, um seine Grenze ernst zu nehmen.

Und Menschen sollten nicht erst schreien müssen, damit ihre Grenzen relevant werden.

Die zwei Minuten wären drin gewesen.

Für unsere Hunde – und füreinander.


Lust auf die ungeschönte Version?

Dieser Blogartikel ist die sortierte Version meiner Gedanken. Ein bisschen aufgeräumter, ein bisschen softer – und mit deutlich weniger Fluchen.


Die dazugehörige Podcastfolge ist anders.

Roher. Wütender. Persönlicher. Und ehrlicherweise auch ein ganzes Stück emotionaler.

Dort erzähle ich die Situation so, wie sie sich für mich angefühlt hat, nehme euch mit in meine Wut und meine eigene Reflexion und denke mich laut durch die Frage: Was passiert eigentlich, bevor jemand – oder ein Hund – laut wird?

Wenn du also nicht nur die aufgeräumte Version lesen, sondern die ganze Geschichte hören möchtest:

 
 
 

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