Hunde verstehen - Kommunikation ist keine Einbahnstraße
- Jule Rettberg

- 27. Juni
- 7 Min. Lesezeit

Auf Empfang stellen
Kommunikation ist immer Senden und Empfangen. Sie ist ein Wechsel und niemals einseitig. Kommunikation bedeutet: senden, empfangen, einordnen und darauf antworten.
Die meisten Menschen lernen in Hundeschulen Kommandos. "Sitz!, Platz!, Bleib!, Komm zurück!". Vielleicht noch "Rolle" oder "Pfötchen geben". Die wenigsten lernen aber, wie sie das vom Hund Gesendete empfangen können. Und genau darum geht es.
Wenn du nur sendest und nicht "hinguckst, hinschaust und hinhörst", was dein Hund dir zurücksendet, dann bist du nur Kommandogeber und der Hund ist Befehlsempfänger. Der Hund führt dieses Kommando aus und dann gibt es eine Belohnung: ein Leckerchen, ein Klick, ein Lob, eine Bestätigung. Das ist leider nur ein Teil.
Der andere Teil fehlt: Was passiert hier eigentlich im gesamten Kontext? Was sendet der Hund? Was zeigt er ganz leise oder ganz laut? Wo wird er nicht gehört?
Dein Hund sendet dir ständig. Nicht erst, wenn er bellt oder knurrt oder an der Leine zieht. Hunde kommunizieren visuell, olfaktorisch, taktil und akustisch.
Visuell über Blicke, Körperhaltung, Kopf abwenden, Muskelspannung, Rute, Ohren oder T-Stellung.
Olfaktorisch, also über die Nase, durch Markieren, Koten und Scharren. Unter den Pfoten sind zum Beispiel auch Drüsen. Es geht also nicht nur um Urin und Kot, sondern der Hund sondert auch andere Gerüche bewusst und unbewusst ab.
Taktil kommuniziert der Hund durch Kopf auflegen, sich anlehnen, Pfote auflegen, Körperkontakt suchen oder sich vor dich oder jemand anderen stellen.
Akustisch: Fiepen, Bellen, Knurren, Jaulen, Seufzen, Hecheln. Alles, was laut ist und was wir vordergründig wahrnehmen, weil das auch unsere Hauptkommunikationsart ist.
Die Schwierigkeit ist, sich auf die hündischen Kommunikationsarten einzulassen. Diese Kommunikationsformen laufen nicht einzeln ab, sondern in Zusammenhängen und im komplexen Kontext. Es ist komplexer als: Der Hund legt die Ohren nach vorne, also bedeutet es X. So einfach ist es nicht.
Fange an zu beobachten: Was sehe ich überhaupt? Wie bewegt sich mein Hund im Raum? Was tut er? Welche Signale kann ich erkennen? Was macht die Rute? Was machen die Ohren? Woran schnüffelt er? Pinkelt er nach dem Schnüffeln drüber? Klappern vielleicht seine Zähne? All das muss man in einen Zusammenhang setzen. Und darüber hinaus spielt der Kontext eine Rolle. Passiert das in meinem eigenen Garten oder außerhalb meines Gartens, wo andere Hunde, andere Beutegreifer, Menschen, Beutetiere unterwegs sind? Das Verhalten alleine sagt also noch nicht genug.
Man kann nicht nicht kommunizieren.
Du kennst bestimmt das Vier-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun: Sachebene, Selbstoffenbarung, Beziehungsebene und Appellebene. Das können wir natürlich nicht eins zu eins auf den Hund übertragen. Es ist ein Modell, das Kommunikation verständlicher machen soll.
Beim Hund könnte man dennoch fragen:
Sachebene: Was zeigt der Hund konkret? Was kann ich beobachten?
Selbstoffenbarung: Was sagt das über seinen Zustand aus?
Beziehung: Was sagt das über unsere Beziehung aus?
Appellebene: Was braucht mein Hund gerade oder was wünscht er sich gerade?
Wenn wir auf die Beziehungsebene schauen, geht es darum: Wer hat hier eigentlich die Verantwortung? Oder mit anderen Worten: Wer führt? Wir Menschen behaupten sehr gerne, dass wir in Führung sind. Schließlich kaufen wir Hundefutter, wir sorgen für den Hund und erwarten dementsprechend auch, dass der Hund sich an die Regeln hält. Das Problem ist aber:
Folgen ist freiwillig.
Du kannst nur in Führung sein, wenn dein Hund dir diese Rolle anvertraut. Wenn er sich also in die folgende Rolle begibt. Es ist mehr eine Frage der Haltung des Hundes als das, was du dir wünschst. Du entscheidest es nicht allein. Führung entsteht in Beziehung. Führung zeigt sich daran, ob der andere sich orientieren kann. Und orientieren kann der Hund sich, wenn du dich hündisch sinnvoll verhältst. Wenn er nachvollziehen kann, was du da eigentlich tust.
Führung bedeutet nicht: Ich bin laut, ich bin hart, ich bin dominant, ich setze mich um jeden Preis durch. Führung bedeutet: Orientierung geben. Verantwortung tragen. Einen Rahmen und Sicherheit schaffen. Klar sein. Und mein Lieblingssatz:
Führen heißt dienen.
Das heißt, ich muss mir bewusst sein, dass ich die Verantwortung trage und meinem Hund dienen muss. Damit er nicht ausrasten muss. Damit er sich gesehen fühlt. Damit er die Hundebegegnung gelassen meistern kann. Damit er es schaffen kann, das Reh nicht zu jagen, obwohl es gerade vor eurer Nase aufgeschreckt ist.
Bei DER TUT WAS gucken wir nicht nur: Was soll der Hund lernen? Wir gucken: Was macht der Hund sichtbar? Was sendet er uns? Was hat der Mensch noch nicht empfangen? Welche Beziehungsebene liegt darunter? Wer führt und wer folgt? Wie sieht der Hund das? Wer übernimmt gerade die Verantwortung? Oder anders gesagt: Wer führt wen?
Was sendest du eigentlich den ganzen Tag?
Du sendest ständig. Ich glaube, wir Menschen senden unfassbar viel komplett unbewusst, weil wir so viele Dinge gleichzeitig auf dem Zettel haben. Gleichzeitig wird in Hundeschulen und auch im Fernsehen immer noch vermittelt, dass es einen Unterschied zwischen Training und Alltag gibt.
Training bedeutet: 10-30 Minuten mit dem Hund zu üben. In der Zeit sende und empfange ich gleichzeitig. Und nach dem Training schalte ich meinen Empfang für das, was der Hund sendet, einfach aus.
Das Problem ist: Der Hund schaltet es nicht aus.
Dein Hund sendet immer noch und er empfängt auch immer noch. Aber du bist dann komplett unbewusst. Genau an dieser Stelle entstehen die meisten Missverständnisse. Für den Hund gibt es keinen Unterschied zwischen Trainingssituation und Alltag. Für deinen Hund ist alles eins. Leben. Er versteht nicht, dass das Training jetzt beendet ist und du auf einmal nicht mehr auf Empfang eingestellt bis.
Geh mal auf Empfang und bleib auf Empfang.
Ein persönliches Beispiel von mir: Als ich mit der Hundeschule gestartet bin, habe ich viel am PC gearbeitet. Akela hat sich eines Tages im Winter auf meine Füße gelegt, während ich Texte geschrieben und Fotos editiert habe. Erst dachte ich: Akela ist da, wie schön. Körperkontakt, warme Füße, er liebt mich, ich liebe ihn. Die rosarote Brille. :) Und dann schaltete sich langsam mein Hundetrainerverstand ein und sagte: Moment mal. Der liegt auf deinen Füßen zwischen dir und der Haustür.
Das ist für ihn eine angenehme Position. Wenn ich mich bewege, bekommt er es als erster mit. Wenn jemand an der Tür ist, ist er zwischen mir und der Tür. Und aus Hundesicht ist diese Positionierung eine Begrenzung. Ich weiß natürlich nicht zu 100 Prozent, ob das genau die Kommunikation war. Vielleicht war es tatsächlich nur die einzige Möglichkeit, mit mir Kontakt aufzunehmen, weil ich in meine Arbeit vertieft war. Kann sein.
Wenn ich solche kommunikativen Feinheiten von Hunden aber weder bemerke noch bedenke, dann kann es im Alltag sehr viele Situationen geben, die der Hund anders versteht als wir Menschen. Und wenn der Hund daraus eine Haltung, eine Rolle oder eine Aufgabe versteht, dann passieren die meisten Probleme.
Stellen wir uns vor, Akela hätte verstanden, dass ich die Begrenzung akzeptiere und er soll als erster an der Tür sein, falls jemand klingelt oder klopft. Dann kann man sich ausmalen, dass ein Hund genau das tut. Und wenn das ständig im häuslichen Umfeld passiert, kann man sich vielleicht auch ausmalen, dass das dann auch draußen passiert.
Dass sich das Folgen an der Leine verändert, weil der Hund immer vorne ist.
Dass auf einmal Hundebegegnungen zum Thema werden.
Dass auf einmal nicht mal ein Gespräch mit anderen Menschen möglich ist, ohne dass der Hund sich nach vorne schiebt.
Kleine feine kommunikative Missverständnisse im Alltag, die wir nicht bewusst haben, führen zu Beziehungs- und Kommunikationsdifferenzen zwischen dir und deinem Hund. Und aus meiner Perspektive und vor allem aus meiner Erfahrung liegt genau darin auch die Lösung.
Wenn du lernst zu verstehen, welche Bedeutung das Verhalten für deinen Hund hat, dann kannst du viel schneller verstehen: Was denkt er über die Situation? Was denkt er über dich? Was denkt er über dein Verhalten? Und dann kannst du auch viel leichter Einfluss nehmen.
Wenn du jetzt merkst: Es gibt bei uns ein Verhalten, das habe ich vorher noch nie so ernst genommen, dann ist der erste Schritt: weiter beobachten. Du darfst dich an der Stelle auch beglückwünschen, dass du das jetzt beobachtet hast. Das heißt, du bist einen Schritt weiter als vorher.
Dann gibt es verschiedene Möglichkeiten. Du beobachtest weiter und versuchst, Verhalten in den Kontext zu setzen.
Oder du denkst: Ich habe hier doch ein größeres Problem als gedacht. Dann macht es total Sinn, eine:n Hundetrainer:in oder Hundeerziehungsberater:in an deine Seite zu holen.
Wenn du Verhalten erkennst, das ungünstig ist oder zu einem Problem werden könnte, geh nicht sofort in Handlung. Wenn du zum Beispiel siehst, dass dein Hund dich begrenzt, musst du nicht sofort emotional reagieren und denken: "Wie kann er es wagen?! Ich lasse mich nicht begrenzen. Das darf er nicht!"
Bleib erst mal in Beobachtung. Überleg dir: In welchen Situationen passiert es noch? Welche Situation habe ich bisher außerdem nicht klar gehabt? Wo habe ich Fragezeichen? Wo glaube ich, dass ich weiß, was es bedeutet? Und ist das wirklich so?
Verhalten ist komplex.
Eine T-Stellung könnte Kommunikation zum anderen Hund sein: "Das hier ist mein Mensch und du hältst dich fern!"
Es könnte Kommunikation an einen anderen Menschen sein: "Komm nicht näher!"
Es könnte aber auch Kommunikation an dich sein: "Geh nicht weiter!"
Und dann ist noch die Frage der Beziehungsebene.
Heißt es: "Bitte lass uns nicht weitergehen, ich mache mir Sorgen und wenn ich nicht deutlich körperlich mit dir kommuniziere, verstehst du mich nicht?" Oder heißt es: "Halt dich raus, Kleine:r!" ?
Das ist ein Unterschied.
Kommunikation ist komplex. Aber wenn man lernt hinzugucken, kann man verstehen lernen
In meiner Coaching-Ausbildung habe ich das wunderbare Wort Lauschen gelernt. Lauschen bedeutet für mich noch einmal mehr als Zuhören. Die meisten Menschen, und dazu zähle ich mich auch, haben nicht mal richtig zuhören gelernt. Ich höre etwas und sofort gehen meine Gedanken an. Ich will sofort „Ja, aber“ sagen. Ich will sofort Bezug dazu nehmen.
Das ist nicht schlecht. Es kann auch heißen, dass ich begeistert bin von dem, was ich höre und dass es eine Resonanz gibt.
Wichtig ist aber: Sobald wir innerlich aktiv werden, mit unseren eigenen Gedanken und Emotionen beschäftigt sind, ist der Empfang schon gestört.
Lauschen bedeutet für mich: Ich nehme mich komplett zurück. Ich nehme wirklich alles auf, was ich von meinem Gegenüber bekommen kann. Ich spüre, was das mit mir macht. Ich spüre, was das mit dem Hund/Mensch macht. Ich spüre vielleicht die Energieveränderung im Raum. Ich höre wirklich jedes Wort. Ich frage mich: Habe ich das wirklich richtig verstanden? Was bedeutet das?
Wir Menschen haben verlernt zu lauschen. Aber das Zuhören, das Auf-Empfang-Bleiben, könnte ein erster richtig wichtiger Schritt für dich und deinen Hund sein.
Wenn du das Gefühl hast, du hast bisher vor allem gelernt, Kommandos an deinen Hund zu geben und du immer nur in der Rolle des Senders bist, dein Hund immer Empfänger ist, dann hast du deinen Hund wahrscheinlich noch nie so richtig gesehen. Das kannst du aber lernen.
Und wenn du Bock hast, deinen Hund richtig zu verstehen, dann bist du bei DER TUT WAS richtig. Hier geht es darum, deinen Blick zu erweitern.
Weg von: Wie bekomme ich Verhalten, das ich will? Oder wie stelle ich Verhalten ab, das ich nicht will?
Hin zu: Was zeigt dein Hund dir eigentlich? Was macht er sichtbar? Was braucht eure Beziehung? Was braucht dein Hund? Was ist der Unterschied zwischen einem Wunsch und einem Bedürfnis? Warum ist es so wichtig, Bedürfnisse des Hundes zu erkennen und zu erfüllen, damit er dir die Verantwortung überhaupt übergeben kann?
Dann schau' dir unseren Basiskurs an oder setze dich auf unsere Warteliste. :)
Liebe Grüße
Jule 🩷




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